Glanzbilder in Poesiealben, Sticker- und Briefmarkensammlungen kennt man vielleicht noch. Aber die Mutter aller Bildsammlungen, das Sammelbildalbum? Ein wissenschaftlich-künstlerisches Projekt der Universität Hildesheim hat sich unter Leitung von Prof. Dr. Hans-Otto Hügel und Jan Schönfelder über mehrere Semester der Theorie und Geschichte des Sammelbildes gewidmet. Das Ergebnis ist nun in der Ausstellung „THEATER, FILM UND KUNST IN KLEINEN FORMATEN. Sammelbilder von 1875 bis heute“ im Theatermuseum des Schauspielhauses Hannover zu sehen. Nach der Ausstellung „1000 augen, ein gesicht“ zum Coverdesign der Rowohlt-Taschenbuchreihe „rororo“ in 2016 ist dies die zweite Kooperation zwischen Prof. Hügel, Schönfelder und dem Theatermuseum.

Was ein Sammelbild ist, wie es sich verändert hat und worin sein spezieller Wert liegt – dazu im Gespräch mit jacjournal: Jan Schönfelder.

jac: Ihr habt das Phänomen Sammelbild in einem Universitätsseminar erforscht. Was habt ihr herausgefunden, wie lautet eure Theorie zum Sammelbild?

JS: Die Theorie zum Sammelbild liegt in seiner speziellen Funktion. Es gibt die Bildungsfunktion, die Unterhaltungsfunktion, die soziale Funktion. Letztere meint die Tauschtätigkeit, die es beim Sammelbild ebenso gibt wie bei Briefmarken und Stickern, über das ‚reine Tauschen’ hinaus jedoch auch einen Austausch über die gezeigten Inhalte. Ursprünglich waren wir der These nachgegangen, dass es sich bei Sammelbildern immer um Portraits handelt, mussten dann bei näherem Hinsehen jedoch feststellen: Das stimmt so nicht. Es gibt einen Teil Sammelbilder, die auf Portraits abzielen, indem sie etwas darstellen, aber nicht nur eine Sachdarstellung sind, sondern versuchen das Wesen der Dingen zu zeigen.

jac: Was verstehst Du unter Portrait?

JS: Portraits sind ersteinmal alles, was ein Gesicht zeigt, also eine ganz naheliegende Definition. Darüber hinaus können aber auch Darstellungen von Autos und Maschinen einen Portraitcharakter aufweisen, wenn sie Dinge individualisiert darstellen.

jac: Und was sind die anderen Sammelbilder, die nicht Portraits sind?

JS: Das sind erzählende Bilder, Sammelbilder, die Geschichten erzählen oder mittels derer Geschichten und Geschichte erzählt wird, es geht also um Zusammenhänge und nicht nur um die Darstellung einer Person oder Sache.

jac: Stehen Sammelbilder per se in einem größeren Zusammenhang, weil sie in einem Album versammelt sind?

JS: Per se stehen sie nicht in einem größeren Zusammenhang durch die Versammlung in einem Album. Wenn sie in Reihen zusammengefasst und ein übergeordnetes Thema haben, dann natürlich ja. Das macht das Sammelbild zum Sammelbild und grenzt es beispielsweise vom Sticker oder vom Glanzbild ab. Diese sind seriell offen und haben meistens keinen Text, sondern sind nur Bildelemente, die etwas darstellen, aber keine Geschichte erzählen. Erst der Zusammenhang von Geschichten-Erzählen und Thema macht das Sammelbild zum Sammelbild.

jac: Das bedeutet, ein Stickeralbum oder ein Briefmarkenalbum ist kein Sammelbildalbum.

JS: Genau. Das sind Sachen, die gesammelt werden, aber es sind keine Sammelbilder, sondern gesammelte Bilder.

jac: Wie sieht so ein Sammelbildalbum konkret aus?

JS: Die Alben der Firma „Liebigs Fleischextrakt“ zum Beispiel haben keine vorgegebene Ordnung. Das ist die einfachste Form: ein leeres Album, in dem der Nutzer nach eigenem Gutdünken und eigener Ordnung Bilder einordnet. Eine andere Form ist ein Album, in das der Benutzer vorgegebene Serien einkleben oder einstecken kann, wobei die Ordnung, die Reihenfolge der Bilder durch das Album vorgegeben ist, weil es zusätzliche Texte und bildhafte Darstellungen bereits enthält, zum Beispiel bei Stollwerck. Dabei hat jedes Bild seinen ganz speziellen Platz im größeren Zusammenhang. Diese Alben müssen vollgesammelt werden, denn Lücken wären erkennbar, wodurch die Aufgabe für den Sammler entsteht, diese Lücken zu schließen.

jac: Ist das gleichzeitig der Hauptanreiz ein Sammelalbum zu haben?

JS: Sicherlich ist das einer der Anreize überhaupt etwas zu sammeln: um Vollständigkeit zu erreichen und damit auch das Gefühl zu haben, etwas überblicken zu können und die Welt handhabbar zu haben.

jac: Welche Themen tauchen in Sammelalben auf?

JS: Querbeet. Es gibt eigentlich keine Themen, die nicht aufgegriffen werden, außer Themen, die negativ besetzt sind. Das heißt, es werden keine Verlierer gezeigt, keine negativen Bereiche des Lebens oder schlechte Gefühle. Das Sammelbild muss immer emotional oder erzählerisch positiv besetzt sein, denn die Bilder sollen ja gesammelt werden und man soll sich mit den Bildern identifizieren.

jac: Wie hat sich das Sammelbild seit seiner Entstehung 1872 verändert?

JS: Die Sammelalben bis zum Ersten Weltkrieg waren Alben der Erbauung und der Belehrung. Sie hatten einen klaren Bildungsimpetus. Die Sammelalben nach dem Ersten Weltkrieg kamen vornehmlich aus der Zigarettenindustrie und der Filmindustrie, wodurch sie mehr unterhaltende Alben waren und der belehrende Impetus zugunsten der unterhaltenden Funktion verschoben wurde. Und die Alben nach dem Zweiten Weltkrieg waren hauptsächlich Alben des Populären mit hauptsächlich unterhaltendem Charakter. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht es fast nur noch um Inhalte der populären Kultur, um Fußball, Filme und ähnliches. Dafür wurde das Sammelbild auch als Medium der Satire und Parodie entdeckt.

jac: Was kannst Du als Wissenschaftler an dieser Entwicklung, betrachtet man sie im Großen und Ganzen, ablesen?

JS:Ich denke, zum einen kann man daran ablesen, dass die Einschnitte der Weltkriege nicht nur ein überwiegend einheitliches Weltbild in politischen Bereichen zerstört haben, sondern sich diese Zersplitterung auch im Sammelbild widerspiegelt. Es geht außerdem nicht mehr darum den Zeigefinger zu heben. Und drittens zeigen sich zwei Bewegungen im Sammelbild: von ‚high’ nach ‚low’ eine Verbreitung der bürgerlichen Kultur und umgekehrt eine Ausbreitung der populären Kultur in die Hochkultur.

jac: Das heißt im Sammelbild spiegelt sich ähnlich wie in Briefmarken die Gesellschaft wider?

JS: Auf jeden Fall! Wahrscheinlich sogar noch konkreter als in Briefmarken, die meistens nur eine kleine Darstellung und viel eingegrenzter in ihren Möglichkeiten sind. Während das Sammelbild ganz dezidiert Geschichte wesentlich differenzierter erzählen kann.

jac: Was heißt, es wird Geschichte erzählt?

JS: In dem Sinne als Geschehnisse und Entwicklungen der Zeit dargestellt und kontextualisiert werden. Kolonialisierung ist eines der Themen der frühen Zeit der Sammelbilder. „Liebigs Fleischextrakt“ beispielsweise ist eine Firma, die weltweit agiert hat und unter anderem auch einen Firmensitz in Südamerika hatte. Ihre Sammelbilder greifen also nicht nur Geschehnisse der europäischen Geschichte auf, sondern sind international. Dabei hat die Firma Liebig Themen für ihre Sammelbilder gesucht, die entweder neutral waren oder nur in bestimmten Ländern vertrieben wurden. Somit gab es ganz spezielle Serien für Großbritannien, die aber in Deutschland beispielsweise nicht gelaufen sind.

jac: Wo taucht das Sammelbild geographisch auf?

JS: Es ist in erster Linie ein europäisches Phänomen. In den USA treten Sammelbilder vermehrt in Form der Sport Cards auf.

jac: Welches ist Dein Lieblingsbild?

JS: Ein einziges Lieblingsbild habe ich nicht. Aber ich habe mich motivgeschichtlich mit einem speziellen Thema befasst: dem Wagenrennen. Dabei habe ich festgestellt, dass dieses Thema häufig in verschiedenen Kontexten auftaucht. Denn es lässt sich sowohl auf die Kunstgeschichte beziehen als auch in Mythen wiederfinden als auch in populären Erscheinungsformen. Es gibt also die Antike Darstellung des Wagenrennens auf der Römischen Vase oder die ‚filmische’ Darstellung bei „Ben Hur“ nach der Erscheinung des Romans 1880.

jac: Kunst, Kultur, als Replik oder neu erschaffen, Portraits und Geschichten – neben der Bildungs- und Unterhaltungsfunktion hatte das Sammelbild aber auch eine starke Bindung an die Wirtschaft und an Marken. Lassen sich Sammelbilder demnach auch als Werbemittel verstehen?

JS: Natürlich. Eigentlich ist das Sammelbild sogar ausschließlich ein Werbemittel. Wobei es sich nach dem Zweiten Weltkrieg so weit verselbstständigt hat, dass die Sammelbilder auch als eigenständige Produkte verkauft und getauscht wurden und nicht nur eine Dreingabe zu einem Produkt waren.

jac: Woher bekommt man heutzutage Sammelbilder?

JS: Am Vertrieb hat sich nicht viel geändert. Gehen Sie einfach zu Rewe oder Lidl oder zu Aldi. Da bekommen Sie Sammelbilder des italienischen Druck- und Verlagsunternehmens Panini, der Walt Disney Company und so weiter. Und die Kinder sind nach wie vor total heiß drauf!

jac: War das jeher so oder hat sich die Zielgruppe geändert?

JS: Als Zielgruppe waren ursprünglich Kinder angesprochen – bei den allerersten gesammelten Bildern der Kaufhauskette Au bon marché, die auch dreidimensionale Bilder zum Aufstellen und Spielen produziert hat. Für diese Bilder haben sich dann aber zunehmend auch Erwachsene interessiert, was dazu führte, dass Au bon marché ihre Bilder auf Erwachsene als Zielgruppe ausgeweitet hat. Später war es ein Medium, das ausschließlich für Erwachsene gemacht wurde. Mittlerweile ist es wieder ein Medium, das überwiegend für Kinder gemacht wird – abgesehen von bestimmten Sparten, wie beispielsweise Fußballbilder, für die sich dann vielleicht auch der ein oder andere Volljährige interessiert.

 

Die Ausstellung ist noch bis 3. Dezember 2017 zu sehen im Theatermuseum im Schauspielhaus, Prinzenstraße 9, dienstags bis freitags sowie sonntags 14:00-19:30 Uhr (montags und samstags geschlossen), 5 Euro / ermäßigt 3 Euro, freier Eintritt mit einer Theaterkarte am Tag der Vorstellung.