Das Rasseln der Straßenbahn ist das erste, was ich vermisse, wenn ich mich nicht in einer Großstadt aufhalte. Vor allem beim Einschlafen finde ich dieses Geräusch beruhigend und wohlklingender als das Rauschen der Autos oder das Stimmengewirr paarungsbereiter und/oder alkoholisierter Großstädter in den nächtlichen Straßen. Das Geräusch der Straßenbahn erinnert mich daran, dass ich mich in einem sozialen Gefüge befinde. Denn Bahnfahren heißt Unterhaltungen belauschen und Verhaltensweisen studieren oder Menschen sehen und kennenlernen können.

Da ist der Typ, der sich wie ein urbaner Tarzan an den Haltegriffen entlang durch den Waggon hangelt, sich aber nicht traut ein Mädchen anzusprechen und als sie aussteigt befürchtet, die Liebe seines Lebens verpasst zu haben. Da sind die Shopping-Girls, die mit Tüten bepackt nach Hause fahren und den Waggon als ihren Laufsteg benutzen, um die neuen Errungenschaften zu präsentieren. Als dann eine Fahrkartenkontrolleurin einsteigt, springen alle schnell raus – nur eines der Mädchen hat es nicht gecheckt und bekommt ein Ticket, das sie nicht akzeptiert und beginnt zu diskutieren, indem sie ein Duett mit der Kontrolleurin tanzt, trickst und davonkommt. Da sind die zwei Typen, die das selbe Mädchen anmachen, sie flirtet mit beiden, das Buhlen beginnt: Sie turnen über Bänke und schwingen sich von Haltegriff zu Haltegriff wie Stadtaffen. Da ist das einsame Mädchen, das mit gebrochenem Herzen allein in der Bahn sitzt und aus Enttäuschung und Wut beginnt durch den Waggon zu tanzen, sich an den Haltestangen dreht und kopfüber an den Haltegriffen hängt.

Dies sind natürlich alles Szenen aus der neuen GOP-Show „Metropolitan“ – Szenen, die sich zusammenfügen wie kleine Geschichten in einem Erzählband. Das große Thema ist klar und für eine Varieté-Show sehr homogen: Alles spielt sich in einem längs aufgeschnittenen Straßenbahnwagen der Hannoverschen Verkehrsbetriebe ÜSTRA ab. Die Figuren sind überzeichnet, die Klischees spätestens beim ProTec-Tanz der Herren überdeutlich erkennbar. In der Dienstkleidung des lokalen ÖPNV-Sicherheitsservice tanzen die Männer eine Gruppenchoreographie, werden von den kreischenden Damen umjubelt – und plötzlich wirkt das Geschehen wie eine Callboy-Nummer.

Das ist auch okay, denn das Publikum erfreut sich vor allem an den gestählten männlichen wie weiblichen Körpern und der enormen Körperbeherrschung, die sich in ästhetischen Bewegungen bis gewagten Stunts zeigt. Von klassischer Zirkusnummer über Akrobatik und Seilakrobatik über modernen Tanz und Ballett, von Jonglage mit Keulen und Bällen bis Tanzgymnastik mit Rhythmikband bietet Metropolitan alles an Bewegung, was zu Electro Swing, Techno, Deutsch-Pop, Trip Hop, Rap und Evergreens der Musikgeschichte denkbar ist.

Neben der 14-köpfigen Artistengruppe darf natürlich der Quotenclown nicht fehlen – es ist schließlich ein Varieté. Die Lachnummer hat allerdings Niveau. Denn auch der Clown spielt mit Körper und Bewegung – wie Fingerakrobatik oder Moon Walk à la Michael Jackson – sowie Schwerkraft-Illusionen, wenn er mit einem scheinbar sehr eigenwilligen und sehr starken Herz-Luftballon kämpft. Außerdem fügt er sich in die kleine Sozialstudie der Macher der Show ein: Er ist der komische Kauz, den man irgendwie bei jeder Bahnfahrt entdecken kann. Sein Anzug ist zu groß, sein Haar zerzaust und staubig, er ist nicht arg verwahrlost, aber eine Art Schreckgespenst.

Das Interessante an dieser Show gegenüber vielen anderen Varietés ist die Komposition der Erzählung auf drei Ebenen: Musik und Tanz sind aufeinander abgestimmt (klar), die Musik ist gemäß der Geschichte, die erzählt wird, ausgewählt (wenn man auf Text und Intonation achtet) und die 11,5 Meter lange Bahn steht vor einer ebenso großen Leinwand, die von Limmerstraße über Waterloo bis Altenbekener Damm echte Hannoversche Bahnlinien und -Stationen zeigt. Hier werden außerdem drei Traumsequenzen erkennbar: Eine Fahrt über den Wolken, eine Unterwasserfahrt und die finale 70er-Jahre Diskosequenz.

Und so endet die dreifache Geburtstagsfeier, zu der sich Hannovers Schickeria am 31. August 2017 zusammengefunden hat, mit Konfettikanonen zu Ehren des GOP (ist 25 Jahre alt geworden), des Feuerwerk der Turnkunst (ist 30 Jahre alt geworden) und der ÜSTRA (ist 125 Jahre alt geworden).

So schön kann also Bahnfahren sein – wenn man es hochpoliert und auf die Bühne bringt und im Winter oder morgens überfüllte, zu spät kommende oder im Sommer miefige Bahnen mal außen vor lässt.

Zu sehen im GOP Varieté-Theater, Georgstraße 36 in Hannover; dienstags bis donnerstags 20 Uhr, freitags und samstags 18.30 Uhr und 21.30 Uhr, sonntags 14 und 17 Uhr; Tickets unter (0511) 30 18 67 10 oder variete.de