In letzter Zeit geht es (wieder) häufiger um künstliche Intelligenz im Zusammenhang mit dem Schaffensprozess von Kunst. Kürzlich erst auf dem Fuchsbau Festival in Lehrte, das unter dem Motto Digitalisierung stand, drehten sich Diskussionen u.a. um Liebe im Zeitalter von Tinder und um künstliche, künstlerische Identitäten. Am Freitagabend wurde außerdem Pit Noacks Soundinstallation „Silbenautomat“ im Hannoveraner Künstlerhaus eröffnet.

Auch im einführenden Gespräch zwischen dem Hannoveraner (Klang-)Künstler, Programmierer, Kurator und Dozent Noack und dem Juniorprofessor für Literaturwissenschaft der Universität Hildesheim Simon Roloff ging es vornehmlich um die technische Seite des neuen Kunstwerks. Mit Enthusiasmus und (zur Erleichterung des Publikums) in verständlichen Worten erläuterte Noack sein Werk anhand der programmiertechnischen Hintergründe, dem Backend hinter dem Surface sozusagen. Ausgehend von Sprichwörtern hat er einen neuen Text geschaffen, indem er die Wörter in Silben aufgebrochen und ein Computerprogramm geschrieben und angewiesen hat, die Silben auf eine bestimmte Art neu zu kombinieren. Kein Zufall also, sondern eine neue Sprache. Aber Kunst? Für Noack heißt Kunst (schaffen): „Spezifisch sein und etwas auf die Spitze treiben, indem man es ernster, wichtiger nimmt, als es ist.“ Und so erschafft er seine Kunst als eine Montage aus Wissenschaftstheorie und Literatur: Noack verweist auf Jorge Luis Borges‘ „Die Bibliothek von Babylon“ und Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“ als Einflüsse zu seinem Silbenautomaten sowie die Markovketten als mathematische Theorie zur Berechnung von (Kombinations-)Möglichkeiten.

Die Installation, die im Rahmen des diesjährigen Musik 21 Festivals entstanden ist, beschallt nun das Treppenhaus im Künstlerhaus. Ein denkbar geeigneter Ort, bietet er doch die minimalistisch, schnörkellose Atmosphäre, um die technische Komponente zu betonen. Damit ist die optische Ästhetik allerdings schon ausgereizt, denn der Automat selbst besteht aus einem unverkleideten Amplifier, einem Laptop, ein paar Kabeln und mehreren, über die Etagen verteilten Lautsprechern. Diese jedoch prodzieren wiederum dank des schlichten Treppenhauses als einem kirchenartigen Klangkörper interessante Echos zwischen den planen, weißen Wänden und den grauen Geländern, die vom Klang vibrieren. Die Kunst findet also, wenn überhaupt, auf der akustischen Ebene statt. Vierzig verschiedene Stimmen setzen die zerstückelten Wörter, all die vereinzelten Silben wieder zusammen. Dabei entsteht ein Kauderwelsch, das zum Teil reiner Klang ist, zum Teil aber auch kurzweilige Momente kreiert, wenn aus „Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand“ und „An der Leine fängt der Hund keinen Hasen“ plötzlich „Der Lauscher an der Leine“ wird – weil das Programm die Silben so sortiert und man als Zuhörer_in schlichtweg Sinn sucht und notfalls eben auch in Nonsens zu generieren vermag. Ergo: Das künstlerische Moment bildet sich im Dazwischen. Denn wie Donald Ervin Knuth bereits sagte: „Science is what we understand well enough to explain to a computer; art is everything else.”

Zu sehen und zu hören: Künstlerhaus, Sophienstraße 2 in Hannover; geöffnet vom 18. bis 20. August 2017, Freitag 20-22 Uhr, Samstag 12-23 Uhr, Sonntag 12-19 Uhr.

Pit Noack an seinem Silbenautomat